Wirtschaftsethikforum Sils Maria 2018
 – Welt 4.0

Wirtschaftsethikforum Sils Maria 2018
 Welt 4.0 – Wirtschaft, Gesellschaft, Ethik – Resümee und Perspektive für eine Zeitenwende

Die Zeitenwende wurde durch OKR Dr. Ralph Charbonnier, Hannover klar umrissen: mit der Digitalisierung werden Ziffern und Zeichen aller Kulturen weltweit binär darstellbar, rechenbar und global vernetzbar. Das Prinzip aus Sensorik, Algorithmen und Aktoren reicht von der Technik bis hin zum gesellschaftlichen Prozess.

Sensorik bietet auch bei „Big Data“ immer nur ein begrenztes Abbild der Wirklichkeit. Hieraus folgt die Freiheit und Verantwortung des Einzelnen zur Handlungsentscheidung. Wir müssen erkennen, dass digitale Handlungsempfehlungen auch nach diesem Prinzip Analyse des Vergangenen bleiben und kreative Zukunftsentscheidungen nicht ersetzen können.

Herausforderungen von Staat, Gesellschaft und Kirche sind dabei weniger die Vorgaben von Grenzen als vielmehr das Aufwerfen relevanter Fragen und die Förderung verantwortlichen Handelns.
Den Spannungsbogen von Kommunikation und Vertrauen in der digitalen Welt unterstreicht Prof. Dr. Marc Stadtler, Ruhruniversität Bochum: Macht und Freiheit des Einzelnen bestehen darin, den Anbietern von Information Vertrauen zu schenken oder eben auch zu entziehen. Der Umgang mit Information ist durch Lokalisieren, Verknüpfen, Bewerten gekennzeichnet. Dabei werden die Kenntnis der Quelle und ihre Bewertung zentrales Kriterium. Um kritische und verantwortliche Nutzung zu ermöglichen muss hierfür das Bewusstsein gestärkt und über entsprechende Bildungsziele gerade in der jungen Generation verankert werden: bewusste Entscheidung des Einzelnen Vertrauen zu schenken oder zu entziehen.

Praxisbezüge zu diesen Grundlagen stellte Dr. Silke Schulz, Daimler Truck AG, Stuttgart mit Einblick in ein Global Project Management Office in geradezu atemberaubender Weise dar: vielfältige Projektlandschaft, schnelle Entscheidungen unter Unsicherheit, Anspruch nach Innovationsführerschaft, nach globaler Marktpräsenz und Konnektivität fordern schnelle und grundlegende Veränderungen und doch eine gesicherte Unternehmenskultur als Basis.

Vertraute, hierarchische Organisationsformen verändern sich zu offenen Netzwerken, leben von Feedback-Kultur, Schwarmorganisationen mit großer Ideenvielfalt, Auswahl der richtigen Experten und Führungsrollen, die eher den Sparringspartner im Team sehen. Ziele werden iterativ entwickelt, Agilität ist das neue Schlagwort einer neuen Arbeitswelt.

Hierzu zeigte Hagen Buchwald, Vorstand der Andrena Objects AG, Karlsruhe veränderte Handlungsmaxime der Softwareentwicklung. Ständige Anpassung an variable Möglichkeiten und Anforderungen mit realistischem Blick auf Ressourcen sind Merkmal agiler Arbeitsweisen, angestoßen durch völlig neue Methoden der frühen Raumfahrt, angekommen in der Alltagswelt der Software, Kernelement zukünftiger Entwicklungen und Trends.
Schließlich gab Philipp Stevens, Zentrumsleiter des Betriebsärztlichen Dienstes, Berlin Antworten wie Menschen in dieser Arbeitswelt mit entgrenzten Räumen und Zeiten umgehen können, wie Unternehmen und Organisationen die Arbeitswelt durch geeignete Regeln und Methoden gestalten können und müssen, um das kostbarste Gut, den kreativen, verantwortungsbewussten Menschen gesund, motiviert, erfüllt und aktiv einzubinden.

Mit diesem Forum stellt die Wirtschaftsgilde die Verantwortung des Einzelnen, seine kritische Bewertung und Entscheidung in den Mittelpunkt und erteilt dem allgemeinen Eindruck des Ausgeliefertseins einer digitalen Übermacht eine begründete Absage: wir haben die Freiheit und die Pflicht, die digitale Welt um uns herum aktiv und bewusst zu gestalten und diese Handlungsoption in der Gesellschaft deutlich zu machen.

Burkhard Thost
 Sils Maria, 24.02.2018