Wirtschaftsgilde erfährt verändertes Ungarn-Bild

Fackelträger auf dem Gellértberg, 1947

Werte Europas – europäischer Nachbar Ungarn war das Thema der Delegation der Wirtschaftsgilde e. V., evangelischer Arbeitskreis für Wirtschaftsethik und Sozialgestaltung, Stuttgart, Anfang Oktober 2017 nach Budapest. Im Gespräch mit Politik, Kirche, Wissenschat und Wirtschaft wurden ungarische Positionen kritisch hinterfragt. Große Offenheit ergab ein Politik- und Gesellschaftsbild, wie es bei uns kaum wahrgenommen wird:
Ungarn steht klar zur EU, will aber nach 10 Jahren Mitgliedschaft stärker mitgestalten. Historischer Erfahrungen, Befreiung von türkischer Herrschaft im Mittelalter, Spielball europäischer Mächte über Jahrhunderte und das kommunistisches Joch haben einen starken Freiheitswillen ausgebildet, der sich heute an EU-Regulierungen reibt. Universitäten, Wissenschat und Lehre fühlen sich nach eigenem Bekunden nicht eingeschränkt, auch wenn aktuell Zulassungsverstöße der ungarisch-amerikanischen CEU-Universität mit politischer Konsequenz geahndet werden. Auch bedient sich die Politik Orbans der christlichen Kirchen als Grundlage einer wertekonservativen Familien- und Gesellschaftspolitik. Schließlich sieht sich die deutsche Wirtschaft mit dominanter Investitionen willkommen, auch wenn große Handelsketten politische Widerstände zum Schutz lokaler Strukturen erfahren.
In der Flüchtlingspolitik ist dieses 10-Millionen-Volk Ungarn mit über 700.000 Menschen ethnischer Minderheiten allerdings äußerst empfindlich und in Sorge vor Überforderung. Eigene Sorgen lassen EU-Solidarität dann schnell vergessen. Gleichzeitig werden damit drängende Fragen europäischer Flüchtlingspolitik deutlich aufgeworfen.
Geringe Arbeitslosigkeit um 4 % und Fachkräftemangel lassen trotz starkem Gefälle zwischen Stadt und Land eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung deutlich werden: hier zeigt sich die EU als erfolgreiche nachhaltige Plattform.
Besonders die deutsche Wirtschaft beklagt ein einseitiges Medienbild dieses Landes in Deutschland. Die Delegation der Wirtschaftsgilde nimmt ein differenziertes Urteil mit: europäische Nachbarschaft braucht Vielfalt der Information für Verständnis, Identifikation und ein tragfähiges Miteinander.

Burkhard Thost
Dipl.-Wi.Ing
Vorstand Wirtschaftsgilde e.V.
Gruppenbild der Teilnehmer
Informations- und Gesprächsempfang bei der Deutsch- Ungarischen Handelskammer AHK
Teilnahme an einem deutschen Gottesdienst mit anschließender Diskussion

Wirtschaftsgilde Förderprojekt: „Junged in Verantwortung“

Budapest – die Stadt

Die Herbstexkursion 2017 nach Budapest war für uns ein besonderes und prägendes Erlebnis. Schon der Besuch der historischen Aussichtsplätze und Kathedrahlen wenige Stunden nach der Ankunft war ein toller Auftakt der Reise. Budapest offenbarte seine Pracht und einen gewissen nationalen Stolz, der durch die monarchische Atmosphäre der alten Bauten unterstützt wurde. Die Straßenzügen und Fassaden zeigten allerdings auch immer noch die Spuren des Verkommens unter kommunistischen Regime, das uns bisher nur aus Geschichtsbüchern und Erzählungen bekannt war. Vielerorts sah man die stetigen Bemühungen die Stadt zu restaurieren, mit langsamen aber stetigem Erfolg.

Spannungsfeld Wirtschaft und Gesellschaft

Das vielseitige Programm der Reise ermöglichte uns auch Raum für viele Diskussionen und Gespräche, unter anderem mit Vertretern der Deutschen Botschaft, der Deutsch-Ungarischen Industrie- und Handelskammer und dem Vorsitzenden des Deutschen Wirtschaftsclub Ungarns. Auch Besuche in der Andrássy Universität, sowie die Werksbesichtigung der Siemens AG, lieferten vielseitige Einblicke auf die Gesellschaft und Politik Ungarns.
Es wurde deutlich, dass besonders die wirtschaftliche Lage in Ungarn als positiv bewertet wird. Der Fachkräftemangel ist allerdings auch in Ungarn kein Fremdwort, das bei der Besichtigung des Siemens Werke deutlich wurde. Eine Staatsministerin der ungarischen Regierung erklärte Familien, Bildungs- und Arbeitspolitik – auch ein Baustein zur Beseitigung des Fachkräftemangel. Vom Deutschen Wirtschaftsclub Ungarn wurde auch geraten das Lohngefüge innerhalb der Europäischen Union zu überdenken, um das Auswandern von Fachkräften zu reduzieren.

Migration und Europa

Durch die unterschiedlichen Beiträge wurde uns außerdem eine wahrgenommene Überforderung der Ungarn mit der großen Zahl an Flüchtenden vor ihren Grenzen erstmals deutlich bewusst. Auch die große Anzahl an ethnischen Minderheiten, stellt eine zusätzlich Herausforderung dar, die man in der Flüchtlingsdebatte berücksichtigen müsse. Bei fast allen Terminen wurde besonders aufgezeigt, dass Budapest nicht gleich Ungarn und Ungarn nicht gleich Budapest sei. Auch solle man sich nicht auf angeblich sehr einseitig berichtende, westliche Medien verlassen.
Ungarns Position zu Europa sei eindeutig pro-europäisch. Ungarn sei durch seine langjährige EU-Mitgliedschaft, nicht mehr als neues EU-Mitglied wahrzunehmen, sondern wolle aktiv mitgestalten.

Erfahrungen

Wir nehmen als Resumée der Reise mit, dass es essentiell ist, sich von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situationen eines Landes, vor Ort ein eigenes Bild zu machen, um daraus eigene und unabhängige Positionen beziehen und Lösungsansätze formulieren zu können. Auch der generationsübergreifende Austausch war für uns sehr bereichern Durch die Erfahrung und Perspektiven der anderen Mitreisenden konnten wir neue Eindrücke zurück nach Deutschland mit nehmen, die bestimmt noch lange nachwirken. Wir bedanken uns ganz herzlich bei der Wirtschaftsgilde für die Förderung und Einladung zu diesem tollen Projekt!

Studentische Teilnehmer Exkursion Budapest

Teinehmer des Förderprogramm“ Jugend in Verantwortung“ Besuch und Empfang beim Rektor der Andrassy Universität